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Arbeitgeber inszenieren sich als Retter der jungen Beschäftigten

14.10.2016 | Zahlen & Fakten

Und die private Versicherungswirtschaft freut sich schon auf fast 5.000 € von junger Familie.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) legt gemeinsam mit der von Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie finanzierten „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ein Kurzgutachten zur Beitragssatzentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung vor – ein Schelm wer Böses dabei denkt. Denn die Autoren verhüllen ihr wahres Ansinnen mit einem „Schutzmantel“ für die jüngeren Beschäftigten. Diese müssten vor übermäßigen Belastungen bei den Rentenbeiträgen bewahrt werden. Tatsächlich geht es aber um die Verhinderung einer verteilungspolitisch gebotenen Beteiligung der Arbeitgeber an den Gesamtkosten einer angemessenen Alterssicherung. Zudem unterschlagen IW und INSM, dass höheren Beiträgen auch bessere Rentenleistungen gerade für die Jüngeren gegenüberstünden – und verschweigen die „Alternative“: Immer größere Lücken bei der Alterssicherung, denen die jungen Generationen an unsicheren Kapitalmärkten weitestgehend allein finanziert hinterhersparen müssen.

 
 

Aktuelle Situation: Beitragssatz steigt - aber das Leistungsniveau sinkt

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) geht davon aus, dass bis 2030 der Rentenbeitrag für Beschäftigte und Arbeitgeber auf 21,9 Prozent steigen wird. Verändert sich also nichts, müsste ein Beitragszahler mit einem Durchschnittseinkommen von aktuell ca. 3.000 Euro (brutto) im Monat im Jahr 2030 ohnehin einen um 48 Euro höheren Rentenbeitrag zahlen. Ein entsprechender Hinweis findet sich im Kurzgutachten des IW allerdings nur sehr versteckt und ohne konkrete Zahlen. Das Problem jedoch ist, dass dieser steigenden Beitragsbelastung massive Leistungskürzungen gegenüberstehen. Denn trotz steigender Beiträge würde das Rentenniveau weiter sinken (ausgewiesen als Sicherungsniveau vor Steuern für einen Standardrentner mit 45 Entgeltpunkten). Nach letzten Prognosen der DRV Bund könnte das Rentenniveau im Jahr 2030 bei nur noch 44,2 Prozent liegen -  aktuellen ist dieses noch bei (gerundet) 47,5 Prozent. Den höheren Rentenbeiträgen stünde somit eine um rund 95 Euro niedrigere Standardrente (in heutigen Werten) gegenüber.

Gesetzlicher Rente droht Legitimationskrise

Damit aber droht der gesetzlichen Rentenversicherung und dem Sozialstaat eine Legitimationskrise: Immer höheren Pflichtbeiträgen steht ein in immer niedrigeres Leistungsniveau gegenüber. Die Behauptung des IW, die Forderungen nach einer Stabilisierung bzw. Anhebung des Rentenniveaus gründen sich in der Befürchtung, dass „künftige ein Großteil der Bezieher gesetzlicher Renten armutsgefährdet sein wird“ (S. 4), ist deshalb stark verkürzt. Insbesondere die IG Metall hat regelmäßig deutlich gemacht, dass vielen Beschäftigten der soziale Abstieg im Alter droht. Dies ist viel weitergehend als eine Bedrohung durch Armut im Alter; auch wenn diese für einen Teil der Versicherten zweifellos realistische ist. Sinkendes Leistungsniveau bedeutet  die Sicherung des Lebensstandards im Alter rückt in immer größere Ferne bis weit hinein in die Mittelschicht. Damit gerät die Legitimation der gesetzlichen Rentenversicherung massiv unter Rechtfertigungsdruck.

Höherer Beitrag für höheres Rentenniveau – langfristig und für alle!

Wenn nun das IW steigende Beitragsausgaben für „Rentenniveau 47,5 Prozent“ und „Rentenniveau 50 Prozent“ berechnet, dann muss vor allem berücksichtigt werden: höheren Beiträgen stünde ein höheres Rentenniveau und damit deutliche Leistungsverbesserungen in der Zukunft gegenüber. Und davon profitieren grundsätzlich alle gesetzlichen Rentenversicherten – insbesondere, wenn weitere Verbesserungen wie etwa einer Verlängerung der Rente nach Mindestentgeltpunkten hinzukommen. Gleichwohl müssten solche Leistungen zur Vermeidung von Armut im Alter kurz- und mittelfristig gesamtgesellschaftlich aus zusätzlichen Steuermitteln finanziert werden. Perspektivisch sind zudem Veränderungen am Arbeitsmarkt notwendig, um den ausufernden Niedriglohnsektor einzudämmen.

 
 

Maximal 23 Euro mehr im Monat für fast 100 Euro mehr Rente

Nun berechnet das IW für einen Single ohne Kinder im Mittel eine Mehrbelastung von 138 Euro im Jahr (!) in 2025 bzw. 277 Euro im Jahr 2030 bei konstantem Rentenniveau (47,5 Prozent). Das entspricht vereinfacht gerechnet einer durchschnittlichen Mehrbelastung von 11,50 Euro bzw. 23 Euro im Monat. Im Gegenzug läge die spätere Rente dieser Person bei rund 1.410 Euro[1]. Würde das Rentenniveau hingegen in 2030 tatsächlich bei 44,2 Prozent liegen, läge die Bruttorente in heutigen Werten nur noch bei 1.312 Euro. Folglich stünden den 11,50 Euro in 2025 bzw. 23 Euro in 2030 zusätzlichem Rentenbeitrag eine fast 100 Euro höhere Altersrente gegenüber – ein gutes Geschäft!

Jetzt schon: mindestens 6 Prozent private Vorsorge notwendig!

Die „Alternative“ zu etwas höheren Beiträgen mit höherem Leistungsniveaus der gesetzlichen Rente verschweigt das IW völlig: Die immer größer werdenden Versorgungslücken im Alter! Diese müssen die Beschäftigten durch immer größere Ausgaben allein aus ihrem Einkommen für zusätzliche Privatvorsorge schließen. So sind heute schon mindestens 6 des Einkommens an zusätzlichen Aufwendungen notwendig, um das sinkende Leistungsniveau bei der gesetzlichen Rente aufzufangen und so im Alter und bei Erwerbsminderung den Lebensstandard annährend halten zu können:

Für den Single ohne Kinder bedeuten 6 Prozent Zusatzvorsorge Einkommenseinbußen von rund 2.240 Euro im Jahr bzw. 187 Euro im Monate – und zwar bereits heute und nicht erst im Jahr 2025 oder 2030. Hiervon ist nur ein Bruchteil über Zulagenförderung und/oder steuerliche Förderung nicht individuell aufzubringen. Die Arbeitgeber wiederum sind an diesen Kosten überhaupt nicht beteiligt. Sie sind durch den vom Gesetzgeber begrenzten Beitragssatz der gesetzlichen Rentenversicherung von 22 Prozent im Jahr 2030 die großen Gewinner – Hand in Hand mit der staatlich subventionierten Versicherungswirtschaft.

Entsprechende Zahlen für den Vorsorgebedarf lassen sich auch für die weiteren vom IW ausgewählten Haushaltskonstellationen ausweisen:

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Angesichts solcher Zahlen stellt sich eine zusätzliche monatliche Beitragsbelastung von im Mittel knapp 82 Euro für das Paar (beide erwerbstätig) mit zwei Kindern für ein höheres Rentenniveau (beim IW: 50 Prozent) geradezu bescheiden dar.

Letztlich ignoriert das IW in seiner sehr statischen Betrachtung auch die Vorschläge der IG Metall für ein solidarisches Finanzierungskonzept. So könnten insbesondere durch eine sachgerechte Finanzierung versicherungsfremder Leistungen (z.B. Mütterrente) sowie eine Erweiterung des versicherten Personenkreises die Entwicklung des Rentenbeitragssatzes massiv beeinflussen und diesen entsprechend niedriger halten – was den tatsächlichen Finanzierungsumfang für einzelne Beitragszahler deutlich abdämpfen würde.

Das Konzept der IG Metall finden Sie hier.

 


[1] Bei kontinuierlichem Verhältnis des Einkommens (aktuell 37.325 Euro/Jahr) zum Durchschnittseinkommen (aktuell 36.267 Euro/Jahr) ohne Abschläge nach 45 Beitragsjahren

 

 

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