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Volkswagen Kassel: Hilfe von außen annehmen

Arbeitsplätze werden an Menschen angepasst – nicht Menschen an Arbeitsplätze: Mit steigendem Durchschnittsalter der Belegschaft bei Volkswagen nimmt auch der Anteil der Beschäftigten mit Einsatzeinschränkungen zu.

Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung setzen sich dafür ein, dass die größer werdende Zahl an betroffenen Kolleginnen und Kollegen geeignete Arbeitsplätze findet.

Im Werk Kassel haben Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung 2010 bei der Planung einer neuen Produktionshalle dafür gestritten, dass von Beginn an Arbeitsplätze für leistungsgewandelte Beschäftigte berücksichtigt werden. Nachdem die eigenen Planer zunächst keine Möglichkeiten gesehen hatten, in der Fließfertigung Arbeitsplätze für Beschäftigte mit Einsatzeinschränkungen zu integrieren, intervenierte die Interessenvertretung und holte externe Unterstützung ins Boot.

VW-Planer entwickelten in Workshops mit Ingenieuren des Integrationsamtes*, der Bundesagentur für Arbeit und der Rentenversicherung neue Gestaltungsoptionen.

In der neuen Halle 6 werden 800 Beschäftigte in drei Schichten arbeiten. Vereinbartes Ziel ist es, 10 Prozent der Arbeitsplätze als Sitz-/Steharbeitsplätze einzurichten. Die Beschäftigten können die Arbeitsplätze an ihre individuellen körperlichen Voraussetzungen anpassen. Kolleginnen und Kollegen mit Einsatzeinschränkungen können dadurch in der Linie mitarbeiten. Das Integrationsamt hat zugesagt, die Einrichtung der 80 Arbeitsplätze mit einer halben Million Euro zu unterstützen.

Nun muss der Arbeitgeber dafür Sorge tragen, dass die Arbeitsplätze auch dauerhaft durch diejenigen besetzt werden, für die sie eingerichtet wurden. "Für zukünftige Planungsprozesse wissen wir, dass wir Wege finden können, um geeignete Arbeitsplätze für leistungsgewandelte Kolleginnen und Kollegen zu integrieren. Die Unterstützung von außen werden wir künftig von Anfang an einbeziehen", bilanziert der Schwerbehindertenvertrauensmann Jörg Ebert.
*Integrationsämter

Die Integrationsämter zahlen Zuschüsse für die behinderungsgerechte Ausstattung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Finanziert werden diese aus Mitteln der Ausgleichsabgabe der Arbeitgeber.

Das fordert die IG Metall:

Um die Bereitschaft zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu fördern und um die Finanzierung von Maßnahmen langfristig sicherzustellen, müssen die Ausgleichsabgabe angehoben und bei Verstößen Bußgelder erhoben werden. Auch die Quote für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen muss wieder auf mindestens 6 Prozent erhöht werden (diese galt bis zum Jahr 2000).

 

© IG Metall

Betriebsratsmitglied Carsten Bätzold

 

Der Volkswagen-Weg zur alternsgerechten Arbeit

Mehr Qualität, höhere Produktivität, mehr Absatz – das ist das Ziel von Volkswagen. Beschäftigung absichern und die Menschen gesund durchs Erwerbsleben zu bringen das Ziel des Betriebsrats. Wie das zusammengeht, zeigt das Beispiel VW in Kassel.

Betriebsrat und Management haben Maßnahmen aus den Bereichen Arbeitszeit, Arbeitsgestaltung, Gesundheitsmanagement, Personaleinsatzplanung, Personal- und Teamentwicklung sowie Unternehmenskultur umgesetzt. Grundlage ist ein Tarifvertrag mit dem Ziel, Arbeits- und Leistungsbedingungen gesundheitsförderlich und alternsgerecht zu machen und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen.

Zu den Maßnahmen gehören etwa ständige Workshops zur kontinuierlichen Verbesserung von Produkten, Qualität und Prozessen, bei denen es immer auch darum geht, körperlich schwere Arbeiten zu erleichtern, Beschäftigte zu qualifizieren und Rotation zu fördern. Bei VW ist es zudem Praxis, bereits vor dem Bau einer Fertigungslinie Arbeitsabläufe am Modell zu simulieren und problematische Abläufe schon von vornherein zu verändern. Arbeitszeit ist ein weiteres Thema: Nach und nach werden Schichtpläne nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen umgestellt.

 
 

Forschung und Workshops für bessere Arbeitsplätze

Die Chaku-Chaku-Linie in der Abgasanlage ist eine von sechs Linien mit insgesamt 40 Arbeitsplätzen im VW-Werk in Kassel. Chaku Chaku (japanisch: laden laden) heißt im Volkwagen-Jargon die "Trennung von Mensch und Maschine". Was bedeutet, dass der Beschäftigte die Maschine belädt, sie startet und sich dann anderen Aufgaben zuwendet. Demnach wartet die Maschine auf den Menschen und nicht der Mensch auf die Maschine. Soweit die Theorie.

Tatsächlich jagt der Mensch der Maschine hinterher. An der Linie wird deutlich, wie weit Theorie und Praxis auseinanderklaffen. Psychische Belastung? Im grünen Bereich. Ergonomie? Grün. Leistung ebenfalls. Jedes einzelne Kriterium ist überprüft und entspricht auch dem Tarifvertrag über Leistungs- und Personalbemessung."Unterm Strich ist der Arbeitsplatz aber unzumutbar," sagt Carsten Bätzold aus der Geschäftsführung des Betriebsrats. Acht Stunden Dauerbelastung, Dauertempo, Dauer-Laufen. Bätzold hat es am eigenen Leib gespürt, als er eine Schicht lang in der Linie gearbeitet hat. Drei mal grün macht trotzdem rot. Ein schlechtes Beispiel.

 

Die Altersstruktur bei Volkswagen

Bei Volkswagen unterscheidet sich die Altersstruktur kaum von der anderer Automobilunternehmen. Heute sind 4 von 10 Beschäftigten über 40 Jahre, nur ein Fünftel über 50. Doch bereits 2027 wird sich die Altersstruktur enorm verändert haben: Die Hälfte wird über 50 Jahre alt sein. Um zu zeigen, warum es keine Alternativen zu altersdifferenzierten Arbeitssystemen geben kann, hat der Betriebsrat dem Vorstand eine Rechnung präsentiert: 2007 betrugen die Kosten im Werk Kassel durch Schichteinschränkungen 620.000 Euro, 2012 würden sie sich mehr als verdoppelt haben und 2022 auf mehr als 3 Millionen Euro steigen, wenn nichts getan wird. Ähnlich sieht es bei Kosten aus, die durch Krankheiten oder Arbeitsplatzwechsel entstehen.

 

Neue Arbeitsbedingungen für die alternde Belegschaft

Flexible Arbeitszeiten und ein gleitender Berufsausstieg sollen helfen, gesund in Rente zu kommen. Zudem müssen die Schichtpläne geändert werden. Arbeitswissenschaftler empfehlen etwa: 2 Frühschichten, 2 Spätschichten, 2 Nächte, unterbrochen von freien Tagen. Nach und nach werden nun die Schichtpläne umgestellt, so dass künftig mehr als 3.500 Arbeiter und Arbeiterinnen im VW-Werk Kassel nach dem Ergo-Modell arbeiten werden.

Aber bessere Schichtpläne helfen nicht, wenn die Arbeitsplätze schlecht sind. Deshalb ist Arbeitsgestaltung ein weiteres Feld für die Betriebsräte. Wie muss ein Arbeitsplatz verändert werden, welche technischen Hilfsmittel gibt es, was muss sich beim Arbeitsablauf tun? Das wird in KVP-Workshops (KVP=kontinuierlicher Verbesserungsprozess) erarbeitet, die bei VW auch "Problemlöseworkshops" heißen. Diese finden immer zusammen mit den Beschäftigten statt, mit einem Betriebsratsmitglied oder einem Vertreter, mit Planern und Ergonomiefachleuten. Allein im Jahr 2011 hat es in Kassel 469 KVP-Workshops gegeben.

 
 

Der Leistungsdruck hält an

Arbeitszeit, Arbeitsgestaltung, Gesundheitsmanagement, Personaleinsatzplanung, Personal- und Teamentwicklung und Unternehmenskultur – das sind die sechs Bereiche, die mit konkreten Maßnahmen gefüllt werden müssen, um dem Tarifvertrag – kurz: Demografie I – gerecht zu werden. Dort steht beispielsweise, dass Arbeits- und Leistungsbedingungen gesundheitsförderlich und alternsgerecht sein sollen und die Gesundheit der Beschäftigten geschützt und gefördert werden soll. Sind sie das? Körperlich anstrengende Arbeit ist weniger geworden, sagt Betriebsratsmitglied Thomas Frye. "Unsere größten Probleme sind der Leistungsdruck, psychische Belastungen und die Ökonomisierung der Prozesse", ergänzt Bätzold. Soll heißen: Wirtschaftliche Ziele werden bis in die Teams heruntergebrochen. "Die Ökonomisierung durchzieht das Denken und Handeln aller", so Bätzold. Am liebsten wäre es dem Arbeitgeber, wenn jeder Beschäftigte denken und handeln würde wie ein Unternehmer.

 

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